The Filmmaker

The  Filmmaker


 

Short film / Installation / Performance
420x 290x 260 cm
1 Film as loop (6:46 minutes):
1 Single channel projection
Cinematography by Cai Junhua, Deng Chunyu,
Sigrun Schnarrenberger, Domenik Schötschel,
Jaqueline Sattler, Judy Ross
Choreography Performance: Brian Solomon
Cast: Qu Lijun, Zhao Jingyuan, Ma Yuntao,
Su Fusheng, Yan Dong, Shi Jie, Fan Donglei,
Li Meiying, Brian Solomon, Judy Ross
Installation: Michael & Judy Ross
Chinese / English subtitle
2011 – 2012

In the video, "The Filmmaker", German video artist, Judy Ross, constructs a complex landscape based on a fictitious film director’s daydreams. Set partially within a contemporary film shoot, the video casts a critical glance on a couple surrendering to a Chinese metropolis. While the man remains stoically silent, the woman, in the role of the nurse, complains bitterly about her uncooperative patient.
In a tight sequence of scenes, both characters are played by several actors, fracturing our instilled suspension of belief, and complicating the narrative. The video reprises common relationship role-playing, including a dramatization of the healing/Samaritan syndrome. Yet these satirical takes on gender conflicts serve as well as a personal metaphor for Ross in addressing cultural difference.
As a visitor from abroad in China, she experiences misunderstanding of, and dependency on, others as an un-avoidable but vital occurrence within the exchange. We are guided through this narrative with the additional trope of the artist as a restless and melancholic character in need of care, a figure otherwise lost, and alone, in his imagination. In "The Filmmaker" our expectations of narrative sequence are undermined, while it steals the form of dramatization, the expected roles of director, actor, and audience are reconfigured, with the audience permitted the opportunity to shape the story.

Text by Gordon Laurin | Co-founder and director of “Where Where Art Space”, Beijing, China
The video installation has been realized in 2011 – 2012 in Beijing and Berlin, supported by the Arbeitsstipendium des Landes Berlin 2011 and IARB (International Art Residency Beijing).
 
Katalogtext von Ariane Beyn

Mit großem bildnerischem Einfallsreichtum bringt Judy Ross in ihren filmischen Installationen Erzählungen oder Dramen zur Aufführung. Dafür verbindet sie Film und Video mit Skulpturen, Theaterkulissen, Zeichnungen, Fotografie und Text, sowie auch mit Live-Performances und Tanz zu kulissenhaften, begehbaren Räumen oder modellartigen Landschaften. Obwohl ihre Arbeiten dem Theater ebenso wie dem Kino verwandt sind, stehen bei Ross weniger der Inhalt einer Erzählung oder die Psychologie der Charaktere im Vordergrund. Vielmehr ist es die suggestive Kraft des Kinos, die in bruchstückhaften Handlungen und Pseudo-Dramen in Szene gesetzt wird. Ross Installationen sind vielschichtige, spielerische „works in progress“, deren Präsentationsform jeweils im Hinblick auf den Ausstellungsort entwickelt wird. Im NGBK zeigt Ross ein neues, „Der Filmemacher“ betiteltes Video (2011, 6.30 min, Farbe, Ton), das während eines Residency-Aufenthaltes in Beijing entstanden ist und hier in einer begehbaren Rauminstallation zusammen mit einer Live-Performance präsentiert wird. Der Film besteht aus einer Reihe von fragmentarisch wirkenden Einzelszenen, die die angedeutete Auseinandersetzung eines Paares an verschiedenen Orten in Beijing zeigt. Dabei werden Geschlechterrollen humorvoll in Klischees verpackt, die klassische Rollenverteilung des Erzählkino jedoch umgekehrt. So ist der weibliche Part als frustrierte, doch aktive Krankenschwester, der männliche als stoisch-sprachloser und handlungsunfähiger Patient im Pyjama dargestellt. Ein Verfremdungseffekt entsteht dadurch, dass die Darsteller der beiden Charaktere mehrfach wechseln. Jeder Anflug von Erzählung wird zudem dadurch ins Wanken gebracht, dass viele Szenen als Teil eines Filmdrehs, als „Film im Film“, gekennzeichnet werden, z.B. wird der Dialog immer erst auf Anweisung der Regie gesprochen. So versetzt das gegeneinander Ausspielen zweier diegetischer Räume die Handlung des Videos in einen traumartigen Schwebezustand. Die satirischen Konfliktmomente fügen sich so, zusammen mit verführerischen Aufnahmen von Beijing, zu der paranoiden Vision der Filmmacher/Künstler-Figur von einer kulturell und visuell komplexen Stadt. Die Vermutung liegt nahe, dass hier auch, ironisch wie metaphorisch, auf die Erfahrung des Residency-Aufenthaltes von Ross in Beijing, z.B. auf die Unfähigkeit des Gastkünstlers, sich ohne fremde Hilfe im Stadtraum zu bewegen oder gar einen Filmdreh auf die Beine zu stellen, angespielt wird.
Mit der begehbaren Installation, in der das Video projiziert wird, setzt Ross die Erzählebenen auch außerhalb des filmischen Raumes fort. Sie gibt das Bühnenbild eines im Film vorkommenden Hotelzimmers wieder, das von einer skulpturalen Miniaturkulisse der urbanen Landschaft Beijings behaust wird. Die unterschiedlichen Maßstäbe und Erzählebenen werden nochmals durch eine Live-Performance ergänzt, in der ein Performer (Brian Salomon) in der Rolle des „Filmmachers“ mit dem Installationsraum, dem projizierten Video und dem Publikum interagiert. So kommen sehr unterschiedliche Wahrnehmungsangebote zu einem vielschichtigen Erfahrungsraum zusammen. Diesen zu entschlüsseln – auch physisch in der begehbaren Installation – bleibt dem Ausstellungsbesucher überlassen. Wie Mieke Bal es formulierte, ist es in zeitgenössischen Film-Installationen oft der Betrachter, der auf die Bühne geschupst wird, um dort zu performen. Judy Ross Installation, die wie ein Bühnenraum gestaltet ist, unterstreicht diese ebenso aktive wie reflexive Rolle des Betrachters im Verhältnis zum Kunstwerk. Andererseits, Boris Groys hat darauf hingewiesen, wird mit der künstlerischen Installation ein Ort geschaffen, an dem das Gesetz des Künstlers herrscht, das den Betrachter kontrolliert. Alles andere als demokratisch, fordert die Installation die gesellschaftliche Ordnung eher durch Negation oder Umkehrung heraus. Durch durchdachtes Zusammenspiel verschiedener künstlerischer Mittel versetzt uns Ross spielerisch und formal außerordentlich gekonnt in eine andere Welt: in die satirisch-gebrochene wie paranoide Vision einer Künstlerexistenz in einer der größten Metropolen der Welt.

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